So
12
Jun
2011
"In unserer verwirrten Welt Zen zu üben bedeutet, zur wahren Dimension der Menschen zurückzukehren und das grundlegende Gleichgewicht seiner Existenz wiederzufinden" - diese Worte stammen von Taisen Deshimaru, der Leitperson des Soto-Zen, welchem sich der "Zen-Dojo Halle e.V." widmet.
2008 mit nur zwei Mitgliedern gegründet, wurde das Zen-Dojo Halle ein Jahr später zu einem eingetragenen, gemeinnützigen Verein, der seit April 2010 sein Zuhause im VL gefunden hat. Aktuell besteht der Kern des Vereins aus 7 Mitgliedern, verfügt aber auch über einige regelmäßige Besucher ohne Mitgliedschaft. Das Zen-Dojo Halle praktiziert Zen-Buddhismus der sogenannten Sôtô-Schule, welche durch Taisen Deshimaru (1914-1982) in Europa bekannt wurde. Im Mittelpunkt der Praxis steht die Meditation, jedoch werden auch Texte rezitiert, Gemeinschaftsarbeiten erledigt und regelmäßig "Sesshins", also zwei- bis dreitägige Intensiv-Übungen mit mehreren Meditationen pro Tag durchgeführt.
Das Zen-Dojo Halle ist Tiefparterre im VL, Ludwigstraße 37 in der Nähe des Rannischen Platzes zu finden. Wie in Dojos üblich, besteht die Pflicht, die Schuhe vor der Tür des Dojos auszuziehen - diese werden im darauffolgenden Raum einfach abgestellt. Sobald man das Zen-Dojo Halle betreten hat, befindet man sich in einem gemütlichen Aufenthaltsraum mit Wandhang, Sofa und einem Bücherregal, aus welchem sich die Mitglieder des Vereins Bücher über Sôtô-Zen und von Taisen Deshimaru ausleihen können.
Durch die Vereinsküche und am WC vorbei kommt man zum Vorraum des eigentlichen Dojo-Kerns, der früher mit Bambus augelegt war, nun aber mit Dielen bestückt ist. Der Vorraum wird gelegentlich bei größerem Andrang zum Meditieren genutzt, dient aber im Regelfall der Aufbewahrung der Sitzkissen und Decken, die man während der Meditation benötigt. Über eine verschiebbare Schwelle gelangt man in den Meditationsraum, in welchem bis zu 19 Personen gleichzeitig meditieren können. Darüber hinaus befindet sich dort ein kleiner Altar, dem bei Betreten und Verlassen des Raumes Beachtung zu schenken ist.
Da ich selbst auf das Thema "Meditation" neugierig geworden war und noch nie zuvor mich darin versucht hatte, nahm ich das Angebot des Zen-Dojo Halle e.V. an, wie jeder andere Neuling auch an einem Sonnabend um 17 Uhr zu einer Einführungsveranstaltung zu erscheinen. Diese kostet wie jeder andere Termin auch für Nicht-Mitglieder 3,50€, beinhaltet aber neben der einstündigen Einführung auch 90 Minuten Meditation mit mehreren Phasen.
Was man im Vorfeld bedenken sollte, wenn man sich entschließt, einmal ohne Voranmeldung meditieren zu gehen, ist die Kleiderwahl: Bei meiner Ankunft wurde ich darauf hingewiesen, dass selbst die weiteste Jeans noch zu unbequem sein wird, und man stellte mir freundlicherweise eine Jogging-Hose zur Verfügung. Zu Beginn verstand ich noch nicht, was das sollte, aber kurz darauf erschloss es sich wie von selbst: Im Vorraum des Meditationsraumes erklärte man mir nicht nur die knappe Geschichte des Zen-Buddhismus, sondern auch, wie man sich im Raum zu verhalten habe, welche Philosophie hinter Zen steckt und woran man einen guten Zen-Lehrer erkenne. Zen sei keine Religion, sondern eher eine Lebensart, und man könne nicht von außen einfach so zu irgendeiner Erleuchtung geführt werden. Stattdessen gehe es darum, sich selbst bewusst wahrzunehmen, ein Gefühl für den eigenen Geist und Körper zu entwickeln und zu einem Normalzustand zurückzufinden, der frei vom Stress des modernen Alltags ist. Darüber hinaus erklärte man mir auch, wie man beim anschließenden Zazen, also der Sitzmeditation, zu sitzen habe.
Sitzen. Was für Otto Normalverbraucher eine Selbstverständlichkeit ist, wird beim Meditieren zu einer artistischen Meisterleistung - dachte ich und wurde zumindest teilweise darin bestätigt. Neben dem halben und vollen Lotossitz gibt es bei der Meditation auch diverse andere Möglichkeiten, die richtige Haltung einzunehmen, so dass auch Menschen mit körperlichen Einschränkungen oder der schlichten Gelenkigkeit einer Brechstange am Zazen teilhaben können. Es ist sogar möglich, auf einem Stuhl zu meditieren, wenn man keine andere ebenerdige Lösung findet.
Nach der rund einstündigen Einführung in die Aspekte des Sôtô-Zen und der Sitzmeditation ging es auch schon los: Punkt 18 Uhr wurde das Holz am Eingang des Meditationsraums geschlagen, woraufhin alle Teilnehmer mit Decke und Sitzkissen im Arm den Raum betraten, sich schweigend vor dem Altar verbeugten und sich im Uhrzeigersinn zu ihrer bevorzugten Matte begaben. Eine Verbeugung vor dem Platz, eine Verbeugung vor den anderen Teilnehmern und dem Raum und schon ließ man sich nieder, um Haltung anzunehmen. Trotz einiger Fehler beim Betreten des Raumes bekam ich zumindest meinen Brechstangensitz auf der Kante des Sitzkissens hin und wurde nur noch ein wenig in der Kopf- und Rückenhaltung korrigiert. Leider stellte ich kurz nach dem Anschlagen der Klangschale, deren Ton angenehm durch Mark und Bein ging, fest, dass ich auf Räucherstäbchen allergisch reagiere, also Atemnot und Übelkeit bekomme. Dementsprechend wandelte sich für mich die eigentlich entspannende Sitzmeditation bald in ein beklemmendes Ausharren. Nach 35 Minuten Sitzmeditation standen 10 Minuten Gehmeditation an, bei welcher man pro Atemzug einen halben Schritt vorwärts geht. Während dieser musste ich jedoch wegen meiner Allergie abbrechen, was für die Mitglieder aber kein Problem darstellte und ich wurde leise aus dem Raum geführt.
Der weitere Ablauf war aber auch von außen nachvollziehbar: Nach der zehnminütigen Gehmeditation folgten nochmals 35 Minuten Sitzmeditation, bevor zum Abschluss gesungen wurde. Der Sprechgesang begründet sich auf der Sutren-Rezitation und für Neulinge gibt es die Texte zum Mitlesen. Diese sind jedoch nur lautlich, aber nicht inhaltlich wiedergegeben worden, da sich die Ausgangstexte bis ins Sanskrit zurückverfolgen ließen und mehrmals lautlich umgeschrieben worden seien. Nach dem rund fünfminütigen Gesang wurde mehrmals an eins der traditionellen Instrumente geschlagen und die Verabschiedung erfolgt ebenfalls schweigend.
Der "Zen-Dojo Halle e.V" ist ein äußerst sympathischer, aufgeschlossener Verein. Obgleich sie eine noch recht geringe Mitgliederzahl haben, sind sie jedem neuen Besucher gegenüber sehr offen und lassen jeden an ihren Meditationsübungen teilhaben. Auch die 3,50€ pro Zazen bzw. 25-35€ im Monat werden nicht zur persönlichen Bereicherung eingesetzt, sondern um die Mietkosten zu decken. Darüber hinaus erschien das Dojo behindertengerecht und der Verein ist äußerst kinderfreundlich: Beim Abschlussgesang war auch das Kind zweier Mitglieder anwesend und trotz diverser "musikalischer Einlagen" des Jungen gab es keinerlei Ermahnungen oder sonstige Probleme. Alles in allem ist es wärmstens zu empfehlen, sobald wie möglich den "Zen-Dojo Halle e.V." zu besuchen - im VL, Ludwigstraße 37, 06110 Halle.
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